Historien-Kabinett

All about Imperial Germany and German Monarchies of the 19th century

Über die Erfindung und Einführung der Pickelhaube in Preussen 

von Sandy Michael Heinemann 


Über die Entwicklung und Einführung der „Pickelhaube“, über den Sinn ihrer Spitze und über die Herkunft des Spitznamens, des im Amtsdeutsch einfachst bezeichneten „Helm“, „Lederner Helm“ oder „Metallhelm“, wurde viel geschrieben. Auch ich habe vieles darüber gehört, leider auch widersprüchliches oder es waren manchmal nur dürftige Informationen vorhanden. 

Aus diesem Grund wollte ich mir ein eigenes Bild machen und habe überlegt anhand welcher Original-Quellen ich die Geschichte noch nachvollziehen könnte. Ich fand meine Quellen schließlich in Zeitungsartikeln aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Meine Überlegung dahinter war, dass die damaligen Fach-Journalisten aufgrund ihrer Kompetenzen und der guten Vernetzung bestimmt viele Informationen über die Entstehungsgeschichte des neuen Helmes in Erfahrung brachten und diese auch niederschrieben. 

Für den 1842 in der preussischen Armee eingeführten Helm setzte sich in Deutschland sehr schnell die volkstümliche Bezeichnung „Pickelhaube“ durch. Schon in einem Artikel vom 22. Juli 1841 wurde von Journalisten der Vergleich zu historischen Helmen angestellt und so der Name „Pickelhaube“ geprägt. So wurde die neue Helm-Form in der Allgemeinen Militär-Zeitung Nr. 63/1841 und in der Regensburger Zeitung Nr. 182/1841 mit „mittelalterlichen Pickelhauben1,2,3, wie Sie in Europas Rüstkammern zu finden sind“1,2,3, oder „wie Mehmed Ali (gemeint ist Muhammed Ali, Pascha von Ägypten (1769-1849)) sie für seine schwere Kavallerie in Afrika erwählte“1,2,3, verglichen. In späteren Zeitungsartikeln wurde das Aussehen des Helmes zudem mit den „mittelalterlichen Kopfbedeckung der Fussknechte“4 oder auch mit den „Sturmhauben5 deutscher Landsknechte“6  verglichen. 

Abb. 1 zeigt einen Landsknecht mit Helm, ähnlich der Form einer frühen Pickelhaube. Verglichen mit Abb. 2 kann man erahnen wie den Journalisten diese Vergleiche in den Sinn kamen.

Abb. 1: Landsknechte bei der Musterung - Die illustrirte Welt. Blätter aus Natur u. Leben, Wissenschaft u. Kunst zur Unterhaltung u. Belehrung für die Familie, für Alle und Jeden - Bd 13
Abb. 2 und Abb. 3 - Pickelhaube M42 aus privater Sammlung (herzlichen Dank an kaisersbunker.com)


Das stattliche Erscheinungsbild eines Soldaten hatte zur damaligen Zeit mehr Gewicht als Heute, daher wurde das Thema auch in fast allen Zeitungsberichten angerissen4,6,8-12,15,17. Allgemein war die Meinung über ihr Aussehen Anfangs noch gespalten6,9,10,11, später wurde die Pickelhaube jedoch als „zweckmäßig und kleidsam“ erachtet4,8,12,15,17. Die Soldaten und Militärs weltweit lernten die Vorteile des Helmes schnell zu schätzen, und so wurde er nach und nach in vielen Armeen der Welt eingeführt5,13.

Vor der Pickelhaube wurde in der preussischen Armee  bekanntlich meist der Tschako getragen. Diese Kopfbedeckung war zwar kleidsam, sie bot dem Träger aber kaum Schutz und der Filz sog‘ sich bei Regen mit Wasser voll, was das Tragen sehr unangenehm machte12

Zu Beginn der Regierungszeit König Friedrich Wilhelm IV. überlegte man deshalb eine neue Uniformierung einzuführen, welche mehr die soldatischen Leistungen anstatt dessen Erscheinungsbild im Blick hatte6,15. Ein weiterer Grund war bestimmt auch das die Napoleonischen Kriege damals noch nicht lange her waren. Viele Zeitungsartikel aus der Zeit 1840/41 zeugen jedenfalls von einer großen Angst eines erneuten Angriffs seitens Frankreich. 

Per königlicher Kabinetts-Order wurden deshalb Mitte Mai 1841 zwei Kommissionen zur „Prüfung und Revision des Montirungs- und Bewaffnungswesens“ eingesetzt14

Die 1. Kommission war für Bekleidung und Ausrüstung verantwortlich, geleitet von einem Generalleutnant von Rohr aus Breslau7,14,15Die zweite Kommission, verantwortlich für Organisations- und Formationsangelegenheiten, wurde von Prinz Friedrich von Preussen (1794-1863) geleitet14,15, ein Neffe des 1840 verstorbenen Königs Friedrich Wilhelm III..

Weitere Mitglieder waren: General von Natzmer, General von Nostitz, Graf von der Gröben, Graf von Barner, Graf von Tümpling, Oberst von Erhardt (Artillerie), Oberst von Schack (5. Husaren-Regiment), Major von Döring (vom Kriegsministerium), Major Graf von Waldersee (Kommandeur des Lehr-Infanteriebataillons) und der Geheime Kriegsrat Schnobitz15

Ergebnisse dieser Kommissionen waren unter anderen der Waffenrock, ein neues Packsystem und die Pickelhaube8,24. Letztere haben wir aber wohl allein Prinz Friedrich von Preussen zu verdanken, denn auf ihn geht nach vielen Zeitungsartikeln die Idee und Konstruktion der Pickelhaube zurück1,2,3,8,15-17,24. Er schickte bereits einige Zeit vor der Kommission einen selbst entworfenen Infanterie-Helm zur Vorlage nach Berlin, welcher dort sehr viel Anerkennung erfuhr15,24.

Diesen entwickelte er in der Zeit von 1840 bis 1842 unter eigener Leitung und mit eigenem Geld, zusammen mit Hrn. Jäger von der Metallwarenfabrik Wilhelm Jäger aus Elberfeld, weiter16. Schon im Juni 1841 konnte Firma Jäger dem Kriegsministerium so Helme zum Preis von 6 Talern und 25 Groschen anbieten13,25. Noch einen Monat später, im Juli 1841, wurde dann die Mannschaft des Garde du Corps-Regiments zu Testzwecken damit eingekleidet1,2,3,24.

Obwohl die Kommission gute Arbeit leistete, wollte man sich augrund der hohen Kosten erst noch gegen die neue Uniform entscheiden. Auch deshalb, weil man noch alte Uniformen für rund 400.000 Mark19 (oder für fast 500.000 Mann)15 auf Lager hatte, die man noch aufbrauchen wollte8,15,19,20,21

Das änderte sich nicht, als bei einem Manöver in Schlesien 1841 mehrere junge Soldaten aufgrund von Ausrüstungs-Problemen zusammenbrachen22. Und auch dann nicht, als es einem Major von Menschwitz gelang die ursprünglichen Kosten von 900.000 Reichstaler, für die Einführung der Pickelhauben, zu halbieren22Aber vielleicht blieb man deshalb am Ball, denn im August/September 1842, beim großen Manöver in Euskirchen, wurde das 1. Bataillon des 15. Infanterie-Regiments für eine großen Praxistest mit den neuen Uniformen samt Infanterie-Helmen der Firma Jäger ausgestattet8,16,17,24. Dort überzeugte die neue Uniform mit den Pickelhauben auf ganzer Linie8,24, was den König letztlich umstimmte. 

Am 23.10.1842 ordnete er somit die Einführung der neuen Uniform samt Pickelhaube für die preussische Armee an23,24Durch den Manöver-Erfolg in Euskirchen entschied man außerdem sämtliche Infanterie-Regimenter mit dem blankledernen Helm der Firma Jäger auszustatten16. Diesen produzierte sie, entgegen der Behauptungen sie hätten nur Metallwaren hergestellt, spätestens ab 1843 auch in Massen25

Ebenso wurden wahrscheinlich die Kürassier-Regimenter zuerst mit den metallenen Helmen der Firma Jäger ausgerüstet18. Im„Bericht über die große allgemeine deutsche Gewerbe-Ausstellung in Berlin aus dem Jahre 1844“ wird berichtet, dass Firma Jäger „eine reiche Auswahl an verschiedenartigster Helme“ fertigte und diese „sich durch eine den Kürassen entsprechende Güte aufs Vorteilhafteste auszeichneten, und zum Teil die noch übertrafen, die derselbe bereits an alle preuß. Kürassier-Regimenter geliefert hat18.

Abb. 3: Allgemeine Militär-Zeitung Nr. 9/1843, Artikel: Preussen vom 28.12.1842

Die Kabinettsorder für die Infanterie- oder Kürassier-Helme konnte ich zwar nicht finden, doch ich fand den in Abb. 3 gezeigten Artikel aus der Allgemeinen Militär-Zeitung Nr. 9/1843, wonach die Büffelleder-Helme des Konkurenten Harkort (Christian Harkort aus Harkorten, Westph.), von dem man teilweise angibt er habe die erste Pickelhaube hergestellt13,24, keine so hohe Beständigkeit wie die Blankleder-Helme der Firma Jäger aufwiesen. Aus diesem Grund wurden seine Helme vom Kriegsministerium für die mehrheitliche Verwendung abgelehnt16 und nur für die Dragoner-Regimenter zugelassen. Nur dafür erhielt er am 29.11.1842 den Auftrag16,18.

Nach diesem Artikel wurden zudem Helm-Muster aller Waffengattungen zum Londoner Kriegsministerium gesendet, was ich aber leider nicht überprüfen konnte. (Anmerkung des Autors: Vielleicht finden sich dort noch Archiv-Material zur Erfindung der Pickelhaube, welches noch nicht gesichtet wurde?)

Die unbelegten Legenden jedenfalls, wonach König Friedrich Wilhelm IV. die Pickelhaube zuerst in Russland sah13, oder das er den Militärmaler Hermann Stilke (1803-1863) beauftragt habe einen Helm zu entwerfen13, sollten, aufgrund der vielen Quellen mit Benennung von Prinz Friedrich von Preussen als Erfinder der Pickelhaube1,2,3,8,15-17,24, ausreichend widerlegt sein. 

Die Pickelhaube selbst war eine wichtige und wohl durchdachte militärische Neuerung, welche die Verbesserung der Ausdauer und den Schutz des Soldaten im Sinn hatte, sei es im Kampf oder vor der Witterung4-6,12. Der Helm bestand aus einem leichten, gehärteten sowie lackierten Leder, war angenehm zu tragen und hatte einen festen Sitz6,8,12,17Auch konnte er jedem Wetter trotzen12. Der Vorderschirm war tief bis auf Höhe der Augenbrauen heruntergezogen, was verhinderte das der Soldat von der Sonne geblendet wird und ihm Regenwasser in die Augen tropft5,6,8,13. Ähnliches zum weit heruntergezogenen Nackenschirm, welcher dazu diente Säbelhiebe und Regenwasser vom Nacken fernzuhalten5,6,8,13

Auf dem Helm wurde ein Kreuzbeschlag aus Messing aufgeschraubt. Seine leichten aber robusten Arme lenkten von Oben kommende Säbelhiebe der Kavalleristen ab4,6,12. Im Kreuzbeschlag war ausserdem noch ein Sockel für die aufschraubbare Spitze integriert. Dieser war mit Löchern zur Lüftung des Kopfes versehen, um diesen vor Überhitzung zu schützen1-4,6,8,12

Überhaupt sollten alle Messing-Applikationen nicht nur schick aussehen, sondern trotz Leichtigkeit den Helm verstärken, um so den Kopf des Soldaten gegen Säbelhiebe zu schützen4,6,12,13. Vorne übernahm diesen Schutz der prächtige Wappenadler und die Messingschiene am Vorderschirm. Hinten wurde dies durch die Nackenschiene erreicht und seitlich übernahm diesen Schutz die sogenannte Schuppenkette. Dies war ein mit Messingplätchen verstärkter Kinnriemen, der den Helm im geschlossenen Zustand auch bei heftiger Bewegung oder bei Treffern von Säbelhieben fest auf dem Kopf hielt6,12.

Zu Paraden trugen viele Regimenter seit jeher prächtige Haar- oder Feder-Büsche an ihren Kopfbedeckungen, welche man auch am neuen Helm nicht missen wollte. Daher wurden die Pickelhauben mit einer abschraubbaren Messing-Spitze versehen, die man durch einen Haarbusch-Trichter ersetzen konnte. Die Messing-Spitze wurde zum normalen Dienst aufgeschraubt, der Trichter, von dazu berechtigten Regimentern, zu Paraden5,6,8,13


Abb. 4: Pickelhaube eines Offiziers in Paradeausführung mit schwarzem Paradebusch, Bauart um 1900/1910, aus Privatsammlung

Dies könnte auch ein Grund für die Spitze gewesen sein, da Tradition und Erscheinung eine hohe Priorität hatten. Vielleicht wollte man erst einen Haarbusch befestigen und bestimmt auch den Helm belüften. Dieses Thema wurde damals jedenfalls in vielen Zeitungsartikeln thematisiert1-4,6,8,12. Weil der Haarbusch aber nur zu Paraden getragen wurde, musste man eine Alternative für den normalen Dienst finden, denn ohne eins von beiden sähe der Helm einfach nicht gefällig aus. 

Es gab also kaum etwas was an diesem Helm nicht durchdacht war. In den 1840ern war es wohl der höchstentwickelte militärische Schutzhelm. 

Mit der Zeit veränderte sich jedoch die Waffentechnologie und der Schutz gegen Säbelhiebe war nicht mehr maßgebend. Weil sich außerdem auch der modische Geschmack änderte, erfuhr die Pickelhaube einige für meinem Geschmack sehr positiven Anpassungen (siehe Abb. 4). 

Sie wurde ein gesamtdeutsches Wahrzeichen und trotz der später kaum mehr gegebenen Schutzwirkung gegen moderne Waffen, wurde sie bis zum Schluss mit Stolz getragen23.


(26. März 2021)



Quellenverzeichnis:

  1. „Allgemeine Militär-Zeitung“ Nr. 63 des Jahres 1841, Artikel: Preussen vom 22.7.1841
  2. „Regensburger Zeitung“ Nr. 182 des Jahres 1841, Artikel: Preussen vom 22.7.1841
  3. „Münchener Politische Zeitung“ Nr. 185 des Jahres 1841, Artikel: Preussen, vom 27.7.1841
  4. „Bayreuther Zeitung“ Nr. 239/1842, Artikel: Aus dem Lager bei Euskirchen vom 30.9.1842
  5. „Universal-Lexikon d. Gegenwart & Vergangenheit o. neuestes encyclopädisches Wörterbuch d. Wissenschaften, Künste & Gewerbe: Trommel - Vergrösserungswörter“ Band 32 von 1846, Seite 278
  6. „Neue Militär-Zeitung“ Nr. 28 des Jahres 1858, Artikel: Einige Bemerkungen über d. Bekleidung d. preuß. Infanterie 
  7. „Regensburger Zeitung“ Nr. 118 das Jahres 1841, Artikel: Preussen vom 10.5.1841
  8. „Illustrierte Zeitung“, Sammelband 2 von 1844, Seite 166
  9. „Augsburger Allgemeine“ Sammelband von 1842, Seite 2780
  10. „Nürnberger Kurier (Friedens- & Kriegs-Kurier)“ Nr. 265 d. Jahres 1843 (169. Jahrgang), Artikel: Berlin vom 22.9.1843
  11. „Fürther Tageblatt“, Sammelband von 1850, Seite 311
  12. „Preußische Wehrzeitung“ vom 11.9.1853, Artikel: Pickelhaube und Krempenhut
  13. Die „Pickelhaube“ als soziales Phänomen - zwischen Militarismus und Symbolismus,Analyse und Rekonstruktion des soziokulturellen Wandels eines deutschen Symbols (Masterarbeit: Michael Wolf vom 25.5.2016)
  14. „Allgemeine Militär-Zeitung“ Nr. 40 des Jahres 1841, Artikel: Preussen vom 2.5.1841
  15. „Allgemeine Militär-Zeitung“ Nr. 46 des Jahres 1841, Artikel: Preussen vom 24.5.1841
  16. „Allgemeine Militär-Zeitung“ Nr. 9 des Jahres 1843, Artikel: Preussen vom 28.12.1842
  17. „Didaskalia“ vom 28.12.1842, Artikel: Das Lager bei Grimlinghausen
  18. „Ausführlicher Bericht über die große, allgemeine deutsche Gewerbe-Ausstellung in Berlin im Jahre 1844“, Seite 165,166
  19. „Allgemeine Militär-Zeitung Nr. 61 des Jahres 1841, Artikel: Preussen vom 7.7.1841
  20. „Allgemeine Militär-Zeitung“ Nr. 64 des Jahres 1841, Artikel: Preussen vom 26.7.1841
  21. „Bayreuther Zeitung“ Nr. 153 des Jahres 1842, Artikel: Preussen vom 20.6.1842
  22. „Allgemeine Militär-Zeitung“ Nr. 83 des Jahres 1841, Artikel: Preussen vom 27.9.1841
  23. „Aus der Frühzeit der Pickelhaube“ (Zeitschrift für Heereskunde Nr. 124/1943, Autor: Herbert Knötel)
  24. „Das Königsmanöver im Jahre 1842 – Ein Helm erzählt seine Geschichte“ (Zeitschrift für Heereskunde Nr. 456/2015, Autor: Ulrich Schiers)
  25. Westfalen.Museum-Digital.de - Stadtmuseum Hagen / Sammlung: [Hagener Stücke] / Pickelhaube


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